Der Wecker klingelt nicht mehr. Kein Pendelverkehr, keine Frühschicht, kein Postfach voller Nachrichten. Auch kein Chef, der wissen möchte, wann die Präsentation fertig ist. Maschinen produzieren Lebensmittel, reparieren Fahrzeuge, schreiben Programme und erledigen die Buchhaltung. Das Einkommen kommt trotzdem. Und der Montag wäre plötzlich nur noch ein Tag wie jeder andere.
Klingt paradiesisch. Zumindest für eine Weile.
Musks Versprechen – und seine offene Flanke
Elon Musk entwarf dieses Szenario am 2. November 2023 in einem Gespräch mit dem damaligen britischen Premierminister Rishi Sunak. Künstliche Intelligenz werde irgendwann alles erledigen können, sagte er; ein Beruf bliebe dann allenfalls zur persönlichen Befriedigung. An die Stelle materiellen Mangels könne ein „universelles hohes Einkommen“ treten. Fast im selben Atemzug benannte Musk jedoch die offene Flanke seiner Vision: Wie findet ein Mensch Sinn, wenn eine Art digitaler Flaschengeist jeden Wunsch erfüllen kann? Recherchequelle: Elon Musk Archive
Das ist keine Prognose, auf deren Grundlage man bereits den Ruhestand planen sollte. Die Internationale Arbeitsorganisation kam 2025 zu einem erheblich nüchterneren Ergebnis. Rund ein Viertel der weltweiten Beschäftigung entfällt demnach auf Berufe, die generativer KI in irgendeiner Form ausgesetzt sind. In wohlhabenden Ländern liegt der Anteil bei 34 Prozent. Doch betroffen bedeutet nicht überflüssig: Weil die meisten Tätigkeiten weiterhin menschliche Mitwirkung verlangen, hält die ILO eine Veränderung von Berufen für wahrscheinlicher als ihre vollständige Abschaffung. Besonders stark betroffen sind Bürotätigkeiten und zunehmend digitalisierte Aufgaben in Medien, Softwareentwicklung und Finanzwirtschaft. Recherchequelle: ilo.org
Was Arbeit gibt, wenn sie mehr als Geld bedeutet
Musks Welt ohne notwendige Arbeit bleibt also Spekulation. Dennoch lohnt es sich, den Gedanken weiterzuverfolgen. Denn er legt etwas frei, das in der üblichen Automatisierungsdebatte leicht übersehen wird: Ein Beruf deckt nicht nur Miete und Lebensmittel. Er gibt dem Tag einen Takt, bietet eine Bühne, dient als Visitenkarte und bringt Menschen zusammen.
Dass Erwerbsarbeit weit mehr leistet, als Einkommen zu sichern, wusste die Sozialpsychologin Marie Jahoda lange vor dem ersten Chatbot. Ihrem einflussreichen Modell zufolge vermittelt sie mehrere verborgene Güter: Sie strukturiert die Zeit, sorgt für regelmäßige Aktivität und soziale Kontakte, bindet Menschen in gemeinsame Ziele ein und verleiht ihnen Status. Eine neuere Metaanalyse stützt den Zusammenhang dieser Faktoren mit der psychischen Gesundheit. Ebenso deutlich zeigt sie allerdings, dass Geldnot keineswegs nebensächlich ist. Wer seine Existenz nicht sichern kann, verliert nicht nur Tagesstruktur, sondern auch Handlungsspielraum. Recherchequelle: PMC
Die Spur dieser Erkenntnis führt nach Marienthal, in eine österreichische Fabriksiedlung südöstlich von Wien. Als dort während der Weltwirtschaftskrise die Textilfabrik schloss, beobachteten Jahoda und ihre Kollegen keine Blüte frei gewordener Kreativität. Im Gegenteil: Viele Bewohner wurden passiver. Die Tage dehnten sich, ohne sich zu füllen. Es fehlte nicht allein an Geld, sondern auch an Anlass, Richtung und Erwartung.
Fast neunzig Jahre später wurde derselbe Ort zum Schauplatz eines bemerkenswerten Gegenentwurfs. Das Modellprojekt MAGMA bot Langzeitarbeitslosen auf freiwilliger Basis garantierte, tariflich bezahlte Stellen an, zugeschnitten auf ihre Fähigkeiten und Einschränkungen. Niemand, dem ein Arbeitsplatz angeboten wurde, lehnte ab. Die Untersuchung stellte wirtschaftliche Verbesserungen fest, aber auch deutliche positive Effekte auf Zeitstruktur, Aktivität, soziale Kontakte, gemeinschaftlichen Zweck und Anerkennung. Die alte Diagnose aus Marienthal hatte offenbar wenig von ihrer Gültigkeit verloren. Recherchequelle: IZA
Freiheit beginnt jenseits der Abstiegsangst
Eine automatisierte Gesellschaft wäre allerdings nicht einfach ein riesiges Marienthal. Zwischen unfreiwilliger Arbeitslosigkeit und freiwilliger Befreiung vom Erwerbszwang liegt ein gewaltiger Unterschied. Eine Entlassung kostet Einkommen, Einfluss und häufig gesellschaftliches Ansehen. Sind dagegen Wohnung, medizinische Versorgung und Ernährung gesichert, bekommt freie Zeit einen anderen Klang. Freiheit fühlt sich nur dann wie Freiheit an, wenn sie nicht von Abstiegsangst begleitet wird.
Einen vorsichtigen Hinweis darauf liefert das finnische Grundeinkommensexperiment. Von 2017 bis 2018 erhielten 2.000 zufällig ausgewählte Arbeitslose monatlich 560 Euro steuerfrei und ohne Pflicht zur Arbeitssuche. Die Auswirkungen auf die Beschäftigung blieben klein. Zugleich berichteten die Empfänger häufiger von höherer Lebenszufriedenheit, weniger psychischer Belastung, größerem Vertrauen und mehr Zuversicht. Manche nutzten den gewonnenen Spielraum für ehrenamtliche Arbeit oder die Pflege von Angehörigen. Bei Menschen in besonders schwierigen Lebenslagen reichte das Geld jedoch längst nicht aus, um alle Probleme zu beseitigen. Recherchequelle: Finnische Regierung
Ein ähnlich gemischtes Bild zeigt eine große US-Studie von OpenResearch. Teilnehmer bekamen drei Jahre lang monatlich 1.000 Dollar. Im Durchschnitt arbeiteten sie 1,3 Stunden pro Woche weniger und waren geringfügig seltener beschäftigt als die Kontrollgruppe. Dabei suchten sie gezielter nach Stellen, legten häufiger Wert auf interessante oder sinnvolle Arbeit und nahmen eher an Bildungs- und Weiterbildungsangeboten teil. Lebenssinn ließ sich damit nicht kaufen. Einigen Menschen gab das Geld jedoch die Möglichkeit, bewusster zu entscheiden, womit sie ihre Zeit verbringen wollten. Recherchequelle: OpenResearch
Tätig sein, ohne alles am Marktpreis zu messen
Vielleicht liegt darin ein realistischerer Entwurf als in der Vorstellung ewiger Freizeit. Menschen müssten nicht untätig werden. Sie könnten lediglich darauf verzichten, jede Tätigkeit nach ihrem Marktpreis auszuwählen.
Schon heute leisten Menschen in großem Umfang gesellschaftlich notwendige Arbeit, die in den üblichen Erfolgszahlen kaum sichtbar wird: Sie betreuen Kinder, bereiten Mahlzeiten zu, pflegen Angehörige, unterstützen Nachbarn oder organisieren Vereine. Im Bruttoinlandsprodukt werden solche unbezahlten Leistungen größtenteils nicht berücksichtigt. Eine Stunde in der Unternehmensberatung erscheint als wirtschaftliche Wertschöpfung. Eine Stunde am Bett eines kranken Elternteils verschwindet statistisch fast lautlos. Recherchequelle: OECD
Eine Gesellschaft mit weniger Erwerbsarbeit müsste deshalb nicht nur Einkommen, sondern auch gesellschaftliche Anerkennung neu verteilen. Andernfalls bliebe die alte Rangordnung bestehen: hier der bezahlte Beruf mit Titel und Status, dort die vermeintliche Untätigkeit. Menschen ohne Stelle wären materiell versorgt und könnten sich trotzdem überflüssig fühlen.
Die Alternative zur Vollzeitstelle muss jedoch keineswegs vollständige Berufslosigkeit sein. Eine britische Langzeituntersuchung mit Daten von fast 85.000 Menschen ergab, dass bereits zwischen einer und acht Stunden bezahlter Arbeit pro Woche mit deutlichen Vorteilen für Wohlbefinden und psychische Gesundheit verbunden waren. Über diesen kleinen Umfang hinaus brachte eine längere Arbeitszeit für viele Gruppen dagegen kaum zusätzliche Verbesserungen. Womöglich brauchen Menschen weniger Erwerbsarbeit, als unsere Kalender vermuten lassen – aber weiterhin Verbindlichkeit, Begegnung und das Gefühl, gebraucht zu werden. Recherchequelle: University of Cambridge
Was Schulen für ein Leben ohne Beruf lehren müssten
Die Sinnfrage reicht damit bis ins Klassenzimmer. Bislang bereiten Schulen junge Menschen vor allem auf den Arbeitsmarkt vor. Sie vermitteln Qualifikationen, prüfen Leistungen und lenken den Blick früh auf jene Frage, die beinahe jedes Kind irgendwann hört: Was willst du später werden?
Gemeint ist gewöhnlich ein Beruf.
Falls Maschinen eines Tages große Teile der notwendigen Produktion übernehmen, müsste Bildung stärker vermitteln, wie ein Leben ohne äußeren Stundenplan gelingt: wie man eigene Interessen vertieft, Vorhaben in Gang bringt, Rückschläge aushält und gemeinsam mit anderen etwas aufbaut. Gefragt wäre nicht allein Beschäftigungsfähigkeit, sondern auch die Kunst, Freiheit zu gestalten.
Der verschwundene Beruf hinterließe dann kein leeres Leben, wohl aber eine freie Stelle im Tagesablauf. Sie zu füllen wäre keine technische Aufgabe. Roboter könnten Waren herstellen und KI-Systeme Probleme lösen. Die Frage, wofür ein Mensch morgens aufsteht, bliebe dennoch seine eigene.
Dann wäre nicht entscheidend, ob wir künftig noch gebraucht werden, sondern ob wir lernen, selbst zu wählen, wofür wir gebraucht werden möchten.
Weiterführende Informationen
Quellenhinweis: Einzelne Fakten, Einschätzungen und Prognosen dieses Beitrags stützen sich auf Veröffentlichungen der nachfolgend genannten Unternehmen und Institutionen. Die Links dienen zugleich der weiterführenden Information.
Computerwoche – KI bedroht Jobs von Frauen stärker als die von Männern
Der Fachbeitrag erläutert anhand der ILO-NASK-Studie von 2025, wie stark Beschäftigte generativer KI ausgesetzt sind und weshalb meist Tätigkeiten verändert statt ganze Berufe abgeschafft werden.
https://www.computerwoche.de/article/3993282/ki-bedroht-jobs-von-frauen-starker-als-von-mannern.html
Marie Jahoda – Otto Bauer Institut – Arbeitsplatzgarantie statt Langzeitarbeitslosigkeit: Erfahrungen aus Marienthal
Die fachliche Auswertung zeigt, wie freiwillige, kollektivvertraglich bezahlte Arbeit bei MAGMA Tagesstruktur, soziale Kontakte, Selbstwirksamkeit, gesellschaftliche Teilhabe und Anerkennung stärkte.
https://jbi.or.at/arbeitsplatzgarantie/
ZEIT ONLINE – Grundeinkommen: „Es reicht nicht, den Menschen Geld zu schenken“
Das Interview mit der finnischen Projektleiterin behandelt die geringen Beschäftigungseffekte sowie Verbesserungen bei Lebenszufriedenheit, psychischer Gesundheit, Vertrauen und selbstgewählten Aktivitäten.
https://www.zeit.de/arbeit/2020-05/grundeinkommen-finnland-arbeitsmarkt-grundsicherung-experiment-psychische-gesundheit



