Um 12.03 Uhr hob die Rakete ab. Wenige Minuten später waren neun Satelliten auf dem Weg in ihre vorgesehenen Umlaufbahnen. Einer davon wirkte äußerlich so unspektakulär wie die übrigen. Doch Chaozhisuan-1 hat etwas an Bord, das die Arbeit von Erdbeobachtungssatelliten grundlegend verändern könnte: einen KI-Computer, der Aufnahmen nicht nur speichert, sondern bereits Hunderte Kilometer über der Erde auswertet.
Am 20. September 2026 startete vom kommerziellen Raumfahrtgelände Dongfeng im Nordwesten Chinas eine Lijian-1 des privaten Raumfahrtunternehmens CAS Space. Chaozhisuan-1 soll optische Bilder aufnehmen, Daten direkt im Orbit verarbeiten und automatisch relevante Objekte erkennen. Aus einem fliegenden Auge wird damit zugleich eine kleine Rechenstation. Die Analyse beginnt nicht mehr erst am Boden, sondern schon auf der Reise um die Erde. Recherchequelle: CAS Space
Wenn Rohdaten zur Last werden
Bislang arbeiten viele Beobachtungssatelliten nach einem Prinzip, das ein wenig an einen Fotografen erinnert, der seine gesamte Speicherkarte ungesehen ins Labor schickt. Ihre Instrumente nehmen Bilder und Messwerte auf, speichern sie und übertragen so viele Daten wie möglich an eine Bodenstation. Erst dort beginnt die eigentliche Auswertung.
Dieses Verfahren hat einen entscheidenden Nachteil: Moderne Sensoren können weit mehr Daten erzeugen, als sich jederzeit zur Erde funken lassen. Bodenstationen liegen nur während bestimmter Zeitfenster in Reichweite eines Satelliten. Selbst mit schnellen Funk- oder Laserverbindungen bleibt die Übertragung daher ein Nadelöhr. Wertvolle Bandbreite fließt auch in Bilder, die später niemand benötigt – weil Wolken die Sicht versperren, keine Veränderungen erkennbar sind oder das gesuchte Objekt gar nicht darauf zu sehen ist.
Chaozhisuan-1 soll die Auswahl schon an Bord treffen. Nach Angaben der Projektpartner kann der Satellit Aufnahmen analysieren, Ziele erkennen und anschließend nur jene Ergebnisse übertragen, die er als relevant einstuft. Dadurch könne die Reaktionszeit von mehreren Stunden auf wenige Minuten sinken. Als mögliche Einsatzfelder nennen die Projektpartner Katastrophenhilfe, Umweltüberwachung, Landwirtschaft und die Kontrolle natürlicher Ressourcen. Allerdings stammen diese Angaben vom Projektteam; unabhängige Leistungstests liegen bislang nicht öffentlich vor. Recherchequelle: CAS Space
Was zunächst nach einer rein technischen Optimierung klingt, verändert die Rollenverteilung. Der Satellit sammelt nicht mehr bloß Daten für Computer am Boden. Er trifft bereits eine Vorauswahl und entscheidet, welche Informationen wichtig genug sind, um überhaupt zur Erde zu gelangen.
Das All als äußerster Rand des Netzes
In der Informatik heißt dieses Prinzip Edge Computing. Daten werden möglichst nahe an ihrem Entstehungsort verarbeitet, statt sie zunächst in ein entferntes Rechenzentrum zu schicken. Auf der Erde ist das längst Alltag: Überwachungskameras erkennen Bewegungen, Fabriksensoren melden ungewöhnliche Vibrationen, Autos analysieren ihre Umgebung, ohne jedes Kamerabild in eine Cloud hochzuladen.
Im Weltraum erreicht Edge Computing den äußersten Rand des Netzes. Neu ist der Einsatz von KI auf Satelliten allerdings nicht.
Bereits der europäische Kleinsatellit PhiSat-1 filterte mit einem KI-Chip wolkenbedeckte Aufnahmen aus. Sein Nachfolger PhiSat-2 startete 2024 und liefert inzwischen wissenschaftliche Daten. Er erkennt unter anderem Schiffe, Waldbrände und Meeresverschmutzungen, komprimiert Bilder im Orbit und kann Satellitenaufnahmen in Straßenkarten umwandeln. Nach Überschwemmungen oder Erdbeben sollen diese Karten bei der Suche nach befahrbaren Wegen helfen. Recherchequelle: ESA
Chinas jüngster Start steht also nicht für die Erfindung des intelligenten Satelliten. Seine eigentliche Bedeutung liegt im größeren Zusammenhang, in den sich die Mission einfügt. Das Land arbeitet an einer umfassenden Recheninfrastruktur im All, in der Satelliten nicht isoliert operieren, sondern Daten und Aufgaben untereinander verteilen.
Im Mai 2025 wurden die ersten zwölf Satelliten der sogenannten Three-Body Computing Constellation gestartet. Nach rund neun Monaten Erprobung liefen auf ihnen zehn KI-Modelle; sechs Satelliten konnten bereits miteinander kommunizieren. Zu den Anwendungen gehörten die automatische Erkennung von Infrastruktur in verschneiten Landschaften und die Klassifizierung astronomischer Ereignisse. Langfristig ist ein Netzwerk aus mehr als tausend Rechensatelliten vorgesehen.
Chaozhisuan-1 ist deshalb nicht bloß ein einzelner Computer im All. Der Satellit ist ein weiterer Baustein einer entstehenden orbitalen Datenwirtschaft – ein Rechner in einem Netz, das erst allmählich Gestalt annimmt.
Zwei Satelliten, zwei Teile eines Systems
Mit derselben Rakete gelangte ein zweiter Satellit mit KI-Technik ins All. Pengcheng-1, auch PEGA-SUS1 genannt, wurde von GalaxySpace, dem Pengcheng Laboratory und der Southern University of Science and Technology entwickelt. Er vereint satellitengestützte 5G-Kommunikation, KI-Rechenleistung und eine optische Verbindung zur Erde, die im Testbetrieb bis zu 100 Gigabit pro Sekunde erreichen soll.
Die Aufgaben der beiden Nutzlasten ergänzen sich. Chaozhisuan-1 verarbeitet Beobachtungen direkt am Entstehungsort, während Pengcheng-1 schnelle Kommunikationswege für ein Netz aus Rechnern, Sensoren und Bodenstationen erprobt. Aus einzelnen Raumfahrzeugen könnte so ein verteiltes System entstehen: ein Rechenzentrum, dessen Server mit mehreren Kilometern pro Sekunde um die Erde kreisen.
Vorerst dient die Technik hauptsächlich der Inferenz, also der Anwendung bereits trainierter Modelle. Das aufwendige Training großer KI-Systeme bleibt in der Regel am Boden. Im Orbit soll die Software Muster erkennen, Daten sortieren und verdichten sowie schließlich entscheiden, welche Informationen weitergeleitet werden. Gerade bei der Erdbeobachtung kann das wertvolle Zeit sparen. Wenn ein Waldbrand ausbricht oder ein Fluss über die Ufer tritt, zählt nicht die Menge der Bilder, sondern die Geschwindigkeit, mit der daraus eine brauchbare Meldung entsteht.
Doch der Zeitgewinn hat seinen Preis. Sobald ein Algorithmus Daten aussortiert, kann er sich irren. Eine Aufnahme, die für den vorgesehenen Zweck belanglos erscheint, könnte ein unerwartetes Phänomen enthalten. Was nicht übertragen wird, lässt sich später womöglich nicht mehr prüfen. So wird der Satellit vom Beobachter zum ersten Redakteur seines eigenen Datenstroms.
Rechnen ohne Steckdose und Techniker
Technisch unterscheidet sich ein Rechenzentrum im Orbit grundlegend von einer Halle voller Server. Am Boden sind Stromnetz, Kühlsysteme und Wartungspersonal verfügbar. Im All dagegen schwankt die Energieversorgung mit Sonneneinstrahlung und Batteriestand. Intensive Berechnungen erzeugen Wärme, die sich im Vakuum nur durch Strahlung abführen lässt. Hinzu kommen kosmische Strahlung, unterbrochene Verbindungen und die schlichte Tatsache, dass niemand eine defekte Platine austauschen kann.
Eine aktuelle Untersuchung zur KI-Infrastruktur im Weltraum zeigt, wie stark die nutzbare Rechenleistung von den jeweiligen Bedingungen abhängt. Entscheidend ist nicht allein, wie viele Rechenoperationen ein Chip theoretisch bewältigt. Auch Temperatur, Energieversorgung, Funkkontakt und Strahlenbelastung spielen eine Rolle – ebenso die Möglichkeit, Software nach einem Fehler aus der Ferne wiederherzustellen. Versuche mit bereits gestarteten Satelliten zeigen, dass thermische Grenzen längere KI-Berechnungen unterbrechen können. Recherchequelle: arXiv
Zu Chaozhisuan-1 fehlen bislang zentrale technische Angaben. Die Projektpartner nennen weder die konkrete Rechenleistung noch das verwendete Chipmodell noch die Größe der eingesetzten KI-Systeme. Offen bleibt auch, welche Genauigkeit die automatische Zielerkennung unter realen Bedingungen erreicht. Die angekündigte Verkürzung von Stunden auf Minuten bleibt daher vorerst ein Ziel und ist bislang nicht durch einen unabhängig bestätigten Dauerbetrieb belegt.
Dennoch zeigt der Start deutlich, wohin die Entwicklung führt. Satelliten sollen nicht länger alles sehen, alles speichern und alles nach unten schicken. Sie sollen verstehen, was ihre Sensoren erfassen – zumindest innerhalb eng definierter Aufgaben.
Damit wandelt sich auch unser Bild vom Raumfahrzeug. Es ist nicht mehr nur ein fernes Auge am Himmel, sondern zugleich Rechner, Filter und gelegentlich Entscheidungsträger. Lautlos zieht es über Städte, Meere und Wälder hinweg und wählt aus, welche seiner Beobachtungen uns erreichen.
Weiterführende Informationen
Quellenhinweis: Einzelne Fakten, Einschätzungen und Prognosen dieses Beitrags stützen sich auf Veröffentlichungen der nachfolgend genannten Unternehmen und Institutionen. Die Links dienen zugleich der weiterführenden Information.
presentofai – China startet „Super AI Computing-1“ KI-Satelliten in den Orbit
Der konkrete Nachrichteneintrag nennt Chaozhisuan-1 und ordnet dessen KI-Rechner zur direkten Datenverarbeitung im Orbit ein.
https://presentofai.com/de/news
WinFuture – Rechenzentrum im Orbit: China schickt Supercomputer-Satelliten ins All
Der Fachartikel erläutert die ersten zwölf vernetzten KI-Satelliten der Three-Body Computing Constellation und den geplanten Ausbau auf 2.800 Satelliten.
https://winfuture.de/news,151032.html
HiTech.Expert – China startet ersten Satelliten mit 5G NTN und KI
Der Artikel beschreibt Pengcheng-1 mit 5G-NTN, KI-Bordrechner und einer optischen Satelliten-Boden-Verbindung für bis zu 100 Gigabit pro Sekunde.
https://expert.com.ua/de/223615-ukraina-zapustila-suputnik-z-5g-ntn-ta-shi-vpershe-v-istorii.html



