60 Stunden. So lange brauchte ein KI-Modell, um eine mathematische Schwäche zu finden, die Fachleuten trotz jahrelanger Prüfung entgangen war. Am Ende stand weder eine bloße Hypothese noch ein Versprechen aus einem Forschungslabor, sondern ein ausführbarer Angriff. Nur einen Tag später zog das Entwicklerteam des betroffenen Verschlüsselungsverfahrens seinen Kandidaten zurück.
Am 28. Juli 2026 berichtete Anthropic von zwei neuen kryptanalytischen Verfahren, die sein noch nicht allgemein verfügbares Modell Claude Mythos Preview entwickelt habe. Eines zielte auf das digitale Signatursystem HAWK, das andere verbesserte einen bekannten Angriff auf eine reduzierte Variante des Verschlüsselungsstandards AES. Nach Angaben des Unternehmens entstanden beide Ergebnisse weitgehend autonom. Menschen hätten Ziele vorgegeben, Rechenumgebungen bereitgestellt und gelegentlich steuernd eingegriffen; die eigentliche Suche jedoch habe die Maschine übernommen. Recherchequelle: anthropic.com
Warum HAWK als Hoffnungsträger galt
HAWK war keine obskure Fingerübung. Das Verfahren hatte die dritte Runde eines Auswahlprozesses des US-amerikanischen National Institute of Standards and Technology, kurz NIST, erreicht. Gesucht wurden zusätzliche digitale Signaturverfahren, die auch in einer Zukunft mit leistungsfähigen Quantencomputern bestehen könnten.
Digitale Signaturen sind so etwas wie fälschungssichere Siegel des Netzes. Mit ihrer Hilfe lässt sich prüfen, ob eine Software tatsächlich vom angegebenen Hersteller stammt, eine Nachricht unverändert geblieben ist oder ein Server wirklich der ist, für den er sich ausgibt. Hinreichend starke Quantencomputer könnten heutige Verfahren gefährden. Seit Jahren werden deshalb Alternativen entwickelt, öffentlich geprüft und immer neuen Angriffen ausgesetzt.
Genau in diese Prüfung platzte Claude.
Die übersehene Symmetrie im Schlüsselraum
Der von Anthropic veröffentlichte Angriff macht sich eine bislang übersehene mathematische Symmetrie in der Gitterstruktur von HAWK zunutze. Vereinfacht gesagt verkleinerte das Modell den Suchraum für einen Angriff auf den Schlüssel drastisch. Für HAWK-512 sank der geschätzte Rechenaufwand im verwendeten Kostenmodell von 2 hoch 150 auf 2 hoch 108 Operationen, für HAWK-1024 von 2 hoch 288 auf 2 hoch 182. Noch immer sind das gewaltige Zahlen. Mit einem gewöhnlichen Rechner wurden die größeren Varianten also nicht plötzlich knackbar. Wohl aber riss der Angriff ein beträchtliches Loch in die zuvor angenommene Sicherheitsmarge.
Bei der kleineren Testvariante HAWK-256 bekam der abstrakte Befund eine konkrete Form. Auf einem einzelnen Server demonstrierten die Forschenden innerhalb weniger Stunden eine vollständige Schlüsselrekonstruktion. Dabei erzeugte das System einen gleichwertigen geheimen Schlüssel, mit dem sich gültige Signaturen erstellen ließen. Anthropic legte das Forschungspapier und den Programmcode offen. Recherchequelle: HAWK-Forschungspapier
Aufschlussreich ist auch, wie Mythos zu diesem Ergebnis gelangte. Das Modell sichtete Literatur, formulierte Vermutungen, führte Berechnungen aus und verwarf Ansätze, die nicht funktionierten. Um seinen Fund zu überprüfen, entwarf es anschließend eine Reihe von Experimenten. Ein Anthropic-Forscher begleitete den Prozess, doch die technische Kernidee stammte dem Unternehmen zufolge von Claude.
Bei solchen Angaben eines KI-Anbieters ist grundsätzlich Vorsicht geboten. Unternehmen haben schließlich ein Interesse daran, ihre Modelle als außergewöhnlich leistungsfähig erscheinen zu lassen. Entscheidend ist deshalb, ob ein Ergebnis auch außerhalb des eigenen Forschungslabors Bestand hat. In diesem Fall blieb die Behauptung nicht auf eine Pressemitteilung beschränkt: Anthropic stellte das Verfahren am 28. Juli im öffentlichen Forum des NIST-Prozesses vor und veröffentlichte nachvollziehbare Unterlagen. Noch am selben Tag meldete ein Teilnehmer des Forums, das Resultat unabhängig geprüft zu haben.
Die entscheidende Bestätigung folgte am 29. Juli. Nach Angaben des HAWK-Teams verringere der Angriff die für die Schlüsselrekonstruktion benötigte Gitterdimension ungefähr um die Hälfte. Naheliegende Reparaturen, etwa eine Verdopplung der Parameter, würden HAWK gegenüber konkurrierenden Verfahren unattraktiv machen. Daraufhin zog das Team den Kandidaten aus dem Standardisierungsprozess zurück. NIST vermerkte den Rückzug anschließend auf seiner Projektseite. Recherchequelle: NIST-PQC-Forum
Damit hatte das KI-Ergebnis unmittelbare Folgen für einen laufenden Auswahlprozess künftiger Sicherheitsstandards. Aus einer mathematischen Idee erwuchs innerhalb eines Tages eine institutionelle Konsequenz.
Ein neuer Angriff auf sieben Runden AES
Der zweite Fund aus derselben Veröffentlichung klingt noch spektakulärer, verlangt jedoch eine nüchterne Einordnung. Claude entwickelte einen schnelleren Angriff auf AES-128, jenes Verschlüsselungsverfahren, das große Teile der digitalen Kommunikation schützt. Vollständiges AES-128 besteht aus zehn aufeinanderfolgenden Rechenrunden. Der neue Ansatz betrifft lediglich eine künstlich verkürzte Variante mit sieben Runden, wie sie in der Forschung untersucht wird, um die Widerstandskraft des gesamten Systems zu verstehen.
Claude fand eine Methode, durch die bei einem bestehenden Angriff das separate Raten einer von 256 Schlüsselvarianten entfällt. Zusätzliche Optimierungen beschleunigten das theoretische Verfahren insgesamt um den Faktor 200 bis 800. In der Praxis bleibt es dennoch unausführbar: Es benötigt eine unvorstellbar große Menge gezielt gewählter Ausgangsdaten und liegt selbst mit dem verringerten Rechenaufwand weit außerhalb realistischer Möglichkeiten. Das heute eingesetzte AES wurde nicht gebrochen. Recherchequelle: AES-Forschungspapier
Interessant ist das Ergebnis gerade wegen dieser Einschränkung. Denn leicht war die Aufgabe keineswegs. Seit Jahren untersuchen Spezialisten das Problem, dennoch entwickelte das Modell innerhalb des bekannten mathematischen Rahmens einen neuen Ansatz. Nach Angaben von Anthropic produzierte es dabei rund eine Milliarde Ausgabetokens. Die Rechenkosten lagen bei ungefähr 100.000 Dollar. Zwei menschliche Forscher investierten anschließend über einen Zeitraum von fast einem Monat mehrere Hundert Arbeitsstunden, um die Korrektheit des Ansatzes belastbar zu prüfen.
Wenn die Prüfung nicht mit der Entdeckung Schritt hält
Daraus ergibt sich eine neue Engstelle der KI-Forschung. Bislang richtete sich die Sorge vor allem auf Modelle, die überzeugend klingende Fehler erzeugen. Nun tritt das umgekehrte Problem hervor: Eine Maschine produziert womöglich zutreffende, neuartige Ergebnisse schneller, als Fachleute sie prüfen können. Das Tempo der Entdeckungen steigt, während die menschliche Verifikation hinterherläuft – mit Papier, Bleistift und der Frage, ob die Maschine tatsächlich recht hat.
KI-Kryptanalyse wird zum Sicherheitsfaktor
Dass der Einsatz von KI in der Kryptanalyse kein Einzelfall mehr ist, zeigt der kurz zuvor veröffentlichte Benchmark CryptanalysisBench. Er umfasst 191 Aufgaben aus sechs Bereichen der Kryptografie. Mehrere führende Modelle konnten nicht nur bekannte Angriffe nachvollziehen, sondern fanden nach Angaben der Forschenden auch neue Schwächen. Der Benchmark soll sichtbar machen, wann KI-Kryptanalyse zu einem ernsthaften Faktor für die Entwicklung von Sicherheitssystemen wird. Recherchequelle: arxiv.org
Für die Kryptografie ist das zunächst eine gute Nachricht. Neue Verfahren sollen angegriffen werden, bevor sie Bankgeschäfte, Softwareupdates oder vertrauliche Nachrichten schützen. Eine unermüdliche Maschine, die tausend Ideen ausprobiert und auch nach neunhundertneunundneunzig Fehlschlägen nicht müde wird, kann Sicherheitsprüfungen erheblich verschärfen.
Doch dieselbe Fähigkeit hat eine riskante Kehrseite. Künftige Funde werden sich nicht immer auf Kandidaten beschränken, die noch im Labor liegen. Irgendwann könnte ein Modell einen Fehler in bereits eingesetzten Systemen aufspüren. Die schwierigste Aufgabe läge dann nicht mehr in der Entdeckung, sondern darin, das Wissen zu kontrollieren, die Behauptung rasch zu prüfen und betroffene Systeme abzusichern, bevor andere Maschinen denselben Weg finden.
HAWK sollte gegen Computer einer kommenden Epoche bestehen. Gescheitert ist das Verfahren nicht an einem Quantenrechner, sondern an einer KI. Darin liegt die eigentliche Zäsur dieses unscheinbaren Sommertages: Die Maschinen haben begonnen, an den Schlössern der digitalen Welt zu rütteln – vorerst noch unter Aufsicht und mit offenem Forschungsbericht.
Weiterführende Informationen
Quellenhinweis: Einzelne Fakten, Einschätzungen und Prognosen dieses Beitrags stützen sich auf Veröffentlichungen der nachfolgend genannten Unternehmen und Institutionen. Die Links dienen zugleich der weiterführenden Information.
Computing Deutschland – KI beschleunigt die Kryptoanalyse: Neue Risiken für Post-Quanten-Sicherheit
Der Fachbeitrag erläutert die entdeckte Gittersymmetrie, den beschleunigten Schlüsselangriff auf HAWK und den anschließenden Rückzug aus dem NIST-Verfahren.
https://www.computingdeutschland.de/feature/2026/neue-risiken-fur-post-quanten-sicherheit
All About Security – KI-Modell findet Lücken in Kryptografie-Verfahren
Der Artikel erklärt die Möbius-Brücke, die 200- bis 800-fache Beschleunigung des Angriffs auf siebentrundiges AES-128 und die Grenzen des Ergebnisses.
https://www.all-about-security.de/ki-modell-findet-luecken-in-kryptografie-verfahren/
alphaXiv – CryptanalysisBench: Können LLMs Kryptanalyse durchführen?
Die deutschsprachige Studienaufbereitung beschreibt die 191 Aufgaben aus sechs Kryptografiebereichen, ihre automatische Verifikation und die Ergebnisse der getesteten KI-Modelle.
https://www.alphaxiv.org/de/abs/2607.18538



