Auf dem Papier steht zunächst nur eine Zahl: ein Gigawatt. Keine Modellbezeichnung, keine neue Chatfunktion, kein versprochenes digitales Wunder. Stattdessen geht es um elektrische Leistung in der Größenordnung eines Großkraftwerks. So viel soll ein geplantes KI-Rechenzentrum auf dem Gelände der Savannah River Site im US-Bundesstaat South Carolina künftig aufnehmen können.
Am 20. Juli 2026 gab das Ingenieurunternehmen Amentum bekannt, von der National Nuclear Security Administration für Verhandlungen über das Projekt ausgewählt worden zu sein. Vorgesehen sind ein Rechenzentrum mit einer Kapazität von einem Gigawatt und rund zwei Gigawatt eigener Stromerzeugung. Zunächst soll Erdgas die Rechner versorgen, später „fortgeschrittene Kernenergie“. Damit rücken zwei Welten zusammen, die lange getrennt betrachtet wurden: hier die Serverhalle, dort das Kraftwerk. Nun werden beide gemeinsam geplant. Recherchequelle: Amentum
Was hinter der Zahl steckt, zeigt eine Umrechnung in Energie. Liefe eine Anlage mit einem Gigawatt ein ganzes Jahr lang ununterbrochen unter Volllast, käme sie rechnerisch auf 8,76 Terawattstunden. Eine Verbrauchsprognose für Savannah River ist das nicht; Auslastung, Ausbauphasen und Verluste sind noch unbekannt. Die Rechnung lässt lediglich erkennen, welche Größenordnung inzwischen im Raum steht. KI-Infrastruktur nähert sich damit den Dimensionen klassischer Industrieanlagen.
Strom wird zum eigentlichen Standortfaktor
Bislang kreiste der Wettlauf um künstliche Intelligenz vor allem um Chips. Wer bekommt genügend Grafikprozessoren? Wer baut das leistungsfähigste Modell? Wer verfügt über die größten Datenbestände? Doch Prozessoren rechnen nicht im luftleeren Raum. Tausende Hochleistungschips brauchen Strom, Kühlung, Transformatoren, Leitungen und Reserven für den Fall, dass etwas ausfällt.
Die Internationale Energieagentur beziffert den weltweiten Stromverbrauch von Rechenzentren für 2025 auf etwa 485 Terawattstunden. Bis 2030 könnte er sich auf rund 950 Terawattstunden annähernd verdoppeln. Besonders rasch wächst der Anteil der speziell für KI eingesetzten Anlagen. Ihr Verbrauch stieg der IEA zufolge allein 2025 um 50 Prozent und könnte sich bis zum Ende des Jahrzehnts verdreifachen. Die Erzeugung von Videos, das Ziehen komplexer Schlussfolgerungen und der Einsatz agentischer Systeme benötigen teils ein Vielfaches der Energie einer einfachen Textantwort. Recherchequelle: International Energy Agency
Diese Nachfrage trifft auf Stromnetze, die nicht im Takt der Softwareindustrie wachsen. Ein neues Modell kann binnen weniger Monate veröffentlicht werden. Hochspannungsleitungen, Umspannwerke und Kraftwerke dagegen brauchen Jahre. In stark beanspruchten Regionen warten Rechenzentrumsprojekte deshalb lange auf einen ausreichend großen Netzanschluss. Eine Untersuchung der Carnegie Endowment nennt für Nord-Virginia und Deutschland mögliche Wartezeiten von bis zu sieben Jahren; in den Niederlanden können es sogar bis zu zehn sein.
Für die KI-Branche ist das eine Ewigkeit. Ihre Antwort lautet zunehmend: Wenn der Strom nicht rechtzeitig zum Rechenzentrum kommt, zieht das Kraftwerk eben gleich mit auf das Gelände.
Hinter dem Stromzähler beginnt die Abkürzung
In der Energiewirtschaft wird dieses Prinzip als „behind the meter“ bezeichnet. Gemeint ist die Stromerzeugung hinter dem Netzanschlusspunkt, also direkt beim Verbraucher. Ein Rechenzentrum bezieht seine Energie dann nicht ausschließlich aus dem öffentlichen Netz, sondern erzeugt zumindest einen Teil davon selbst. Eingeplant werden dafür derzeit vor allem Gasturbinen, Verbrennungsmotoren, Brennstoffzellen und Batteriespeicher.
Der entscheidende Vorteil ist Zeit. Laut Carnegie lässt sich eine solche Versorgung in den USA innerhalb von ein bis zwei Jahren aufbauen. Gegenüber einem regulären Netzanschluss kann das den Betriebsbeginn um ein Jahr oder mehr vorziehen. Von heute auf morgen geht allerdings auch das nicht: Turbinen, Transformatoren und andere Komponenten sind knapp. Dennoch passt der Zeitrahmen besser zum Tempo des KI-Wettbewerbs.
Wie das aussehen kann, zeigt Savannah River besonders deutlich. Nach Angaben von Data Center Dynamics soll der Entwickler DC Blox gemeinsam mit Amentum an dem Vorhaben arbeiten. Das Gelände verfügt bislang unter anderem über mehrere 115-Kilovolt-Leitungen und ein Biomassekraftwerk mit 20 Megawatt – gemessen an der angekündigten Gigawattdimension verschwindend wenig. Noch ist weder bekannt, welche Gasturbinen zum Einsatz kommen sollen, noch welche Art von Kernreaktor später die Stromerzeugung übernehmen könnte. Recherchequelle: Data Center Dynamics
Erdgas ist bei solchen Projekten selten die bevorzugte, aber häufig die schnell verfügbare Lösung. Eine Analyse von Axios zählte Anfang 2026 in den USA 46 geplante Rechenzentren mit eigener Stromversorgung und zusammen 56 Gigawatt Leistung. Bei den kurzfristig bestellten Anlagen komme fast ausschließlich Gastechnik zum Zug. Die Betreiber entscheiden sich damit nicht unbedingt für die langfristig günstigste Energiequelle, sondern für jene, mit der sich ihre Rechner am schnellsten in Betrieb nehmen lassen. Recherchequelle: Axios
Für die Klimabilanz des KI-Booms hat das Folgen. Effizientere Chips können den Strombedarf einzelner Berechnungen senken. Werden jedoch zugleich immer größere Modelle, mehr Videos und Millionen zusätzliche Anfragen verarbeitet, kann der Gesamtverbrauch trotzdem steigen. Stammt die neue Kapazität zunächst aus eigens errichteten Gaskraftwerken, werden dadurch emissionsintensive Strukturen für Jahrzehnte festgeschrieben.
Die Kernenergie steht bislang im Futur
Amentum beschreibt das Gas als Brücke zu fortgeschrittener Kernenergie. Auf dem Papier wirkt der Übergang schlüssig: erst die schnell gebaute Zwischenlösung, später der emissionsärmere Dauerbetrieb. In der Praxis fehlen dafür bislang zentrale Voraussetzungen. Es gibt weder einen veröffentlichten Reaktortyp noch einen Zeitplan für den Wechsel noch einen genannten Betreiber der nuklearen Anlage.
Auch das Gesamtprojekt steht erst am Anfang. Die Auswahl Amentums ist kein endgültiger Pachtvertrag und schon gar keine Baugenehmigung. Nach Darstellung der NNSA müssen die Verhandlungen erfolgreich abgeschlossen und die Genehmigungs-, Sicherheits- und Zulassungsverfahren durchlaufen werden. Recherchequelle: U.S. Department of Energy
Das ist wichtig, denn Gigawattzahlen werden in der KI-Branche längst wie Verheißungen behandelt. Angekündigte, genehmigte, vertraglich gesicherte und tatsächlich gelieferte Leistung sind nicht dasselbe. Für Savannah River wurden bislang weder die Investitionssumme noch ein Bauzeitplan noch die Finanzierungsstruktur veröffentlicht. Recherchequelle: Forbes
Vor einer allzu wörtlichen Lesart der großen Ausbaupläne warnt auch das Uptime Institute. Von den untersuchten Rechenzentrumsprojekten mit mehr als 100 Megawatt werde voraussichtlich nur etwa die Hälfte gebaut; von diesen erreiche wiederum nur ein Teil die angekündigte Leistung. Mehr als die Hälfte der älteren Vorhaben sei bereits verzögert, verkleinert, unsicher oder gestrichen worden.
Bedeutsam bleibt die Nachricht vom 20. Juli trotzdem, selbst wenn in Savannah River niemals alle angekündigten Turbinen anlaufen sollten. Sie zeigt, wie sich die Bedingungen des KI-Wettlaufs verschieben. Ausgetragen wird er längst nicht mehr allein in Chipfabriken und Serverracks. Er beginnt schon am Gasanschluss, am Umspannwerk, auf der Baustelle eines künftigen Kraftwerks.
Die entscheidende Einheit der künstlichen Intelligenz ist deshalb nicht mehr nur der Parameter oder der Prozessor. Immer häufiger ist es das Gigawatt.
Weiterführende Informationen
Quellenhinweis: Einzelne Fakten, Einschätzungen und Prognosen dieses Beitrags stützen sich auf Veröffentlichungen der nachfolgend genannten Unternehmen und Institutionen. Die Links dienen zugleich der weiterführenden Information.
Remio – KI-Rechenzentren und das Stromnetz werden zur Verteidigungsinfrastruktur
Der Beitrag erläutert das geplante Ein-Gigawatt-Rechenzentrum mit rund zwei Gigawatt eigener Gas- und späterer Kernenergieversorgung an der Savannah River Site.
https://www.remio.ai/de/post/ai-data-centers-and-the-power-grid-are-becoming-defense-infrastructure-2
LBBW – Mehr Cloud, mehr Kilowatt? KI-Effekte im Strommarkt
Die Analyse vertieft die IEA-Prognose eines Anstiegs des weltweiten Rechenzentrumsstromverbrauchs von rund 485 Terawattstunden 2025 auf 950 Terawattstunden 2030.
https://www.lbbw.de/artikel/research-studien/ki-effekte-im-strommarkt_am79e91uzp_d.html
Eaton – Eaton und Siemens Energy bündeln ihre Kräfte, um mit Energie und Technologie die Bereitstellung neuer Rechenzentrumskapazitäten zu beschleunigen
Die Herstellerseite stellt ein modulares Konzept mit eigener 500-Megawatt-Gasturbinenanlage vor, das Rechenzentren vielerorts bis zu zwei Jahre früher in Betrieb bringen soll.
https://www.eaton.com/de/de-de/company/news-insights/news-releases/2025/eaton-and-siemens-energy-join-forces-to-provide-power-and-technology.html



