Mehr als 300 Zertifikate samt Passwörtern brachten KI-Agenten bei einem Einsatz gegen Anbieter inoffizieller iOS-Signaturdienste zusammen. Drei Exemplare erfüllten sämtliche Prüfkriterien. Zwischen dem 14. und 29. Oktober 2026 wurden dafür zwei ARTEX-Konsolen gegen zehn Anbieter eingesetzt. Der Betreiber hatte den Auftrag vorgegeben: Zertifikate und zugehörige Passwörter beschaffen. Die eigentliche Arbeit überließ er weitgehend den KI-Agenten. Sie verarbeiteten 36 Milliarden Token und suchten nach Zugängen. Anschließend kontrollierten sie unter anderem, ob der private Schlüssel und das Zertifikat zusammenpassten, ob das Zertifikat gesperrt oder abgelaufen war und ob ein passendes Bereitstellungsprofil vorlag. In den aufgezeichneten Dialogen erkundigte sich der Betreiber vor allem nach Zwischenständen und einzelnen Angriffszielen. Der Fall zeigt damit keinen Angriff ohne menschliche Führung, wohl aber eine deutliche Verschiebung der Arbeit: Der Mensch bestimmt den Zweck, während Software große Teile des technischen Vorgehens übernimmt. Recherchequelle: Check Point Research
Ein Ziel genügt, dann beginnt die Arbeit
ARTEX macht aus einer allgemeinen Zielvorgabe eine Folge technischer Teilaufgaben. Das ursprünglich offen veröffentlichte System ist in Go geschrieben und besitzt eine Next.js-Oberfläche. Mehrere spezialisierte Agenten werden über Sprachmodelle koordiniert: Sie planen einzelne Schritte, setzen Werkzeuge ein, sammeln Befunde und passen das weitere Vorgehen an die bisherigen Ergebnisse an. Der Betreiber muss die Angriffskette deshalb nicht Befehl für Befehl vorgeben.
Bei den iOS-Signaturdiensten suchten die Agenten nach unterschiedlichen Einstiegspunkten. Dazu gehörten fest eingebaute Administratorpasswörter, ungeschützte Web-APIs, schwache Zugangsdaten, Befehlsinjektionen und unsichere direkte Objektverweise. Nach erfolgreichen Zugriffen fahndeten sie nach Zertifikatsdatenbanken. Gefundene Schlüssel wurden entschlüsselt. Anschließend prüften die Agenten, ob Schlüssel und Zertifikat zusammenpassten, ob das Zertifikat noch gültig und nicht gesperrt war und ob ein geeignetes Bereitstellungsprofil vorlag. Als Modelle kamen DeepSeek v4.1 Flash und Kimi K3.1 Pro zum Einsatz. Check Point bezifferte die geschätzten Modellkosten auf Grundlage der damaligen DeepSeek-Preise mit 700 bis 1.500 Dollar. Die Spanne bezieht sich auf die Modellnutzung; weitere Kosten der Operation lassen sich daraus nicht ablesen. Recherchequelle: Google Cloud
Der Mensch wird zum Auftraggeber
Die Bezeichnung „autonom“ braucht eine klare Grenze. ARTEX wählt sein Ziel nicht selbst. Ein Betreiber legt den Auftrag fest, konfiguriert den Einsatz und kann den weiteren Verlauf steuern. Die Automatisierung beginnt innerhalb dieses Rahmens: Das System entscheidet über einzelne technische Schritte, verfolgt verschiedene Ansätze und reagiert auf gefundene Schwachstellen. In den offengelegten Dialogen der Zertifikatskampagne beschränkte sich der Betreiber häufig darauf, Zwischenstände abzufragen oder die Aufmerksamkeit auf bestimmte Aufgaben zu lenken.
Bei zwei weiteren von Check Point ausgewerteten Kampagnen enthielten die zugänglichen Konsolendaten nach der jeweiligen Zielvorgabe keine zusätzlichen Anweisungen des Betreibers. Eine dieser Operationen nahm 292 Domains aus dem Umfeld von Kryptozahlungen ins Visier. Die Agenten sollten USDT entwenden und Zahlungsadressen so verändern, dass spätere Einzahlungen beim Angreifer landeten. Zwar fanden sie Schwachstellen und gelangten in einigen Fällen an Datenbankinhalte sowie personenbezogene Informationen. Das finanzielle Hauptziel wurde laut Untersuchung jedoch nicht erreicht.
Der Fehlschlag verhindert eine überzogene Lesart: ARTEX handelt nicht wie ein unabhängiger oder unfehlbarer Akteur. Seine Autonomie liegt in der Auswahl, Verknüpfung und wiederholten Ausführung technischer Schritte, nicht in der Festlegung des kriminellen Zwecks.
Ausdauer wird zur Waffe
Nicht raffinierte Einfälle machen den Einsatz solcher Systeme besonders wirksam, sondern ihre Fähigkeit, einen großen Suchraum ohne Ermüdung abzuarbeiten. Mehr als 190.000 Zugangsdaten für Honor of Kings trugen die Agenten bei einer Operation gegen einen grauen Markt für chinesische Spielkonten zusammen. Der Betreiber hatte ARTEX dafür in einer fünftägigen Kampagne gegen dreizehn Backend-Dienste gerichtet. Die Agenten untersuchten dazugehörige APK-Dateien und fanden ungeschützte Klartextdateien sowie fest eingebaute Administratorzugänge. Aus einer im Bericht nicht vollständig dokumentierten Stichprobe leitete Check Point eine Gültigkeitsrate von rund 3,3 Prozent und damit ungefähr 6.000 weiterhin nutzbare Konten ab.
Wie solche Prüfungen ablaufen können, zeigen weitere von Google Threat Intelligence untersuchte ARTEX-Aktivitäten. Unauffällig blieb die Arbeitsweise nicht: In einem dokumentierten Fall hinterließ das iterative Vorgehen 240 Protokolleinträge. Zugleich erreichte das System eine hohe Geschwindigkeit. In einem anderen beobachteten Ablauf ereigneten sich 27 protokollierte Aktionen innerhalb von 23 Sekunden. Ein zu großes Skript kürzte das System und führte es anschließend erneut aus.
ARTEX macht menschliche Erfahrung damit nicht generell überflüssig. Das System kann jedoch zahlreiche Ansätze in kurzer Folge erproben, Fehler verarbeiten und mehrere Wege verfolgen. Seine Wirkung entsteht aus der Verbindung von Tempo, Prüfbreite und maschineller Beharrlichkeit.
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CrowdStrike stufte einen nicht namentlich zugeordneten Akteur mit mittlerer Sicherheit als chinesischsprachig und finanziell motiviert ein. Das Unternehmen untersuchte eine Kampagne gegen südkoreanische Finanzorganisationen, die von Ende September bis Anfang Oktober 2026 lief und zu Datenabflüssen führte. Offen zugängliche Verzeichnisse enthielten unter anderem ARTEX-Konfigurationen, Sitzungsverläufe von Claude Code und Speicherdateien.
Microsoft ordnete andere Aktivitäten dem China-nahen Akteur Storm-0940 zu, der ARTEX dem Bericht zufolge seit mindestens September 2026 gegen Organisationen verschiedener Branchen einsetzte. Bei einer Passwort-Spraying-Kampagne registrierte Microsoft mehr als 151.000 fehlgeschlagene Anmeldungen. Nach der Kompromittierung von ConnectWise-Anwendungen versuchte der Akteur zudem, sich bei mehr als 2.250 Mandanten anzumelden. Eine erfolgreiche Authentifizierung allein gilt dabei laut Microsoft noch nicht als Beleg für einen Zugriff auf Daten.
Eine weitere, ausdrücklich separate Kampagne schrieb CrowdStrike VAPOR-PANDA zu. Vom 17. Oktober 2026 an richtete der Akteur innerhalb von elf Tagen einen ARTEX-Controller gegen mehr als 200 Organisationen in mindestens 14 Ländern. Bei neun Organisationen bestätigten die Forscher Aktivitäten nach dem Eindringen. Die Berichte zeigen damit eine Nutzung durch unterschiedliche Tätergruppen; sie beschreiben keine zusammenhängende Kampagne. Recherchequelle: CrowdStrike
Die offene Tür bleibt das eigentliche Problem
In den untersuchten Fällen musste ARTEX das Handwerk des Eindringens nicht neu erfinden. Die Operationen nutzten überwiegend bekannte Angriffspunkte: gestohlene oder schwache Zugangsdaten, ungeschützte Schnittstellen, fehlende Authentifizierung, SQL-Injektionen, falsch konfigurierte Cloud-Rechte, Passwort-Spraying und missbrauchbare Funktionen vorhandener Anwendungen. Google beobachtete mehrere Fälle, in denen Täter dem System bereits kompromittierte Zugangsdaten übergaben. ARTEX übernahm daraufhin weitere Aufgaben wie interne Aufklärung, Versuche zur Rechteausweitung und die Suche nach Wegen für seitliche Bewegungen im Netzwerk. Die technische Mechanik blieb vertraut; verändert haben sich vor allem Geschwindigkeit, Reichweite und die automatisierte Verbindung einzelner Schritte.
Bei zehn ARTEX-Instanzen hatten Fehlkonfigurationen vollständige Datenbanken offengelegt. Die Forscher konnten dadurch verwendete Modelle, Anweisungen der Betreiber und konkrete Angriffsschritte nachvollziehen. Insgesamt zählte Check Point 2.557 Systeme, die ARTEX-Panels hosteten oder zuvor gehostet hatten. Davon waren zum Untersuchungszeitpunkt 1.608 aktiv und öffentlich erreichbar. Diese Momentaufnahme erfasst bereitgestellte Panels, nicht die Zahl der Nutzer oder Täter.
Der Befund hat eine eigentümliche Symmetrie: ARTEX sucht nach offenen Zugängen, während manche Betreiber zugleich die eigene Angriffsinfrastruktur unzureichend absichern.
Verteidigung gegen Maschinenzeit
Die von Google genannten Gegenmaßnahmen sind vertraut: Zugangsdaten mit kurzer Gültigkeit, möglichst geringe Rechte, Netzwerksegmentierung und eine Trennung besonders sensibler Steuerungsebenen. Hinzu kommt eine verhaltensbezogene Überwachung, die ungewöhnliche Abläufe erfassen soll. Der Ansatz richtet sich nicht gegen eine neuartige Angriffstechnik, sondern gegen die Geschwindigkeit, mit der Agenten bekannte Schwächen suchen und mehrere Pfade nacheinander oder parallel verfolgen können.
Microsoft empfiehlt für Cloud-Umgebungen unter anderem, Anmeldungen von Dienstprinzipalen sowie unerwartete Änderungen an Anwendungszugangsdaten, Berechtigungen und privilegierten Rollenzuweisungen zu untersuchen. Die hohe Taktzahl automatisierter Angriffe verkürzt den Zeitraum, in dem ein Sicherheitsteam einen Alarm einordnen und den Zugriff begrenzen kann. Ein Warnsignal allein genügt daher nicht; ebenso wichtig sind vorbereitete Abläufe für Untersuchung und Reaktion.
Am Ende steht wieder der Betreiber, der nach dem Fortschritt fragt, während seine Agenten bereits weitere Möglichkeiten prüfen. ARTEX kann scheitern, auffällige Spuren hinterlassen und benötigt einen menschlich gesetzten Zweck. Die Gefahr liegt nicht in einem allwissenden digitalen Hacker, sondern in der Skalierung beharrlicher technischer Arbeit. Ein einzelner Angreifer muss nicht jeden Weg selbst verfolgen, wenn Software viele davon gleichzeitig offenhalten kann.
Weiterführende Informationen
Quellenhinweis: Einzelne Fakten, Einschätzungen und Prognosen dieses Beitrags stützen sich auf Veröffentlichungen der nachfolgend genannten Unternehmen und Institutionen. Die Links dienen zugleich der weiterführenden Information.
Infopoint Security – KI-Agenten auf Cyberjagd: Zscaler enthüllt weltweit koordinierte Angriffskampagne
Der Fachbeitrag erklärt die Planner-and-Worker-Architektur, die Aufgabenteilung spezialisierter Agenten und das selbstständige Fortsetzen der ARTEX-Angriffe.
https://www.infopoint-security.de/ki-agenten-auf-cyberjagd-zscaler-enthuellt-weltweit-koordinierte-angriffskampagne/a46978/
Apple Developer – Zertifikate: Überblick
Die Herstellerseite erläutert Funktion, Widerruf und Schutzbedarf der Verteilungszertifikate, Schlüssel und Bereitstellungsprofile, die bei dem Angriff erbeutet und geprüft wurden.
https://developer.apple.com/de/help/account/certificates/certificates-overview
KIberblick – ARTEX: Spionage mit KI-Agenten auf DeepSeek
Der Beitrag beschreibt die VAPOR-PANDA-Kampagne gegen mehr als 200 Organisationen und grenzt sie von ARTEX-Aktivitäten gegen Finanzunternehmen und der Storm-0940-Kampagne ab.
https://kiberblick.de/sicherheit/2026/2026-11-03-artex-vapor-panda-ki-agenten-spionage/



