Ein Film, den es noch gar nicht gibt, kann heute schon Bilder haben. Vielleicht einen Trailer, ein paar Schlüsselszenen, einen ersten Blick auf Figuren und Schauplätze. Im klassischen Kino wären dafür Entwürfe, Dreharbeiten, Kulissen und ein beträchtlicher Vorschuss an Vertrauen nötig. Bei Runway genügen zunächst Referenzbilder, Anweisungen und Rechenleistung. Doch diesmal sollen die Bilder mehr sein als Anschauungsmaterial: Sie werden Teil einer gemeinsamen Produktion mit einem Hollywood-Studio.
Lionsgate hat sich an dem New Yorker KI-Unternehmen beteiligt und mit ihm ein gemeinsames Programm zur Entwicklung und Produktion neuer Inhalte aufgelegt. Den Anfang soll eine episodische Kurzserie machen, die bestehendes geistiges Eigentum von Lionsgate mit den generativen Modellen von Runway verbindet. Weitere gemeinsame Projekte sind geplant. Welche Marken aus der mehr als 20.000 Titel umfassenden Bibliothek zum Einsatz kommen, wurde nicht bekannt gegeben. Auch einen Veröffentlichungstermin gibt es bislang nicht. Recherchequelle: runway.com
Damit verändert sich Runways Rolle. Das Unternehmen liefert nicht länger bloß die digitale Werkzeugkiste, während andere Drehbücher entwickeln, Projekte finanzieren und Filme produzieren. Künftig sitzt es mit am Tisch, wenn neue Inhalte entstehen. Was nach einer kleinen organisatorischen Verschiebung klingt, berührt eine grundsätzliche Frage: Wo hört ein Technologieanbieter auf, und wo beginnt ein Filmstudio?
Als Runway und Lionsgate 2024 ihre erste Partnerschaft eingingen, stand noch ein anderes Ziel im Vordergrund. Runway sollte ein Modell entwickeln, das auf ausgewählten Teilen des Lionsgate-Katalogs trainiert oder mithilfe dieser Inhalte angepasst wird. Filmemacher sollten damit unter anderem Storyboards, Vorvisualisierungen und Bilder für die Postproduktion erzeugen. Die Filmgeschichte des Studios sollte zum Spezialwissen der Maschine werden.
In der Praxis erwies sich dieser Plan als schwieriger. Nach Recherchen von TheWrap reichte die Bibliothek eines einzelnen Studios nicht aus, um sämtliche Situationen abzudecken, die eine professionelle Produktion verlangt. Ein Modell für Filmproduktionen muss Körperbewegungen, Licht, Räume, Gesichter, Stoffe, Kamerafahrten und physikalisch glaubhafte Abläufe in Tausenden Varianten beherrschen. Hinzu kamen Fragen zu Darstellern, Nutzungsrechten und den Bestandteilen einzelner Produktionen. Am Ende stand eine ernüchternde Erkenntnis: Ein einziges maßgeschneidertes Modell ist noch keine Filmfabrik. Recherchequelle: thewrap.com
Vor diesem Hintergrund ist die neue Vereinbarung bemerkenswert. Runway und Lionsgate antworten auf die Schwierigkeiten nicht mit einem noch größeren technischen Versprechen, sondern mit einem anderen Produktionsansatz. Anstatt sofort einen vollständig generierten Kinofilm anzustreben, beginnen sie mit einer Kurzserie. Das Format ist überschaubarer, lässt sich in Episoden gliedern und kann visuelle Schwächen leichter durch Schnitt, Inszenierung oder den Wechsel zwischen generiertem und herkömmlich produziertem Material auffangen.
So wird die angekündigte Serie zu mehr als einem neuen Projekt. Sie dient als Testlabor. An ihr lässt sich erproben, ob sich mit generativen Bildern über einzelne beeindruckende Einstellungen hinaus Figuren, Orte und ein visueller Stil konsistent gestalten lassen. Ebenso entscheidend ist die Frage, wie gut sich die Technik in den komplizierten Produktionsalltag einfügt – in Abstimmungen, Korrekturschleifen, Freigaben und jene oft unspektakuläre Arbeit, die zwischen einer Idee und dem fertigen Bild liegt.
Runway hat sich dafür eines der größten Probleme längerer KI-Erzählungen vorgenommen: die visuelle Kontinuität. Gen-4 wurde 2025 mit dem Anspruch vorgestellt, Charaktere, Gegenstände und Schauplätze über mehrere Szenen hinweg konsistent zu halten. Ein Referenzbild soll genügen, damit dieselbe Figur aus verschiedenen Blickwinkeln, bei anderem Licht und in wechselnden Umgebungen wiedererkennbar bleibt. So technisch diese Fähigkeit erscheinen mag, für das Erzählen ist sie elementar. Einen fantastischen Drachen akzeptiert der Zuschauer ohne Weiteres. Schwieriger wird es, wenn dieser Drache nach jedem Schnitt ein anderes Gesicht trägt. Recherchequelle: runway.com
Kontinuität allein macht aus einem Videogenerator allerdings noch kein Studio. Ein Modell erzeugt Bilder. Ein Studio entscheidet, welche Geschichte erzählt wird, stellt Geld bereit, organisiert Personal, klärt Rechte, trägt Risiken und bringt das Ergebnis zum Publikum. Runway hat begonnen, mehrere dieser Aufgaben zu übernehmen.
Das Unternehmen bezeichnet Runway Studios ausdrücklich als seinen Produktions- und Unterhaltungsarm. Dort arbeitet es nach eigenen Angaben direkt mit Filmemachern, Musikern, Autoren, Künstlern und etablierten Studios zusammen. Gesucht werden neben Entwicklern auch Drehbuchautoren, Animatoren, kreative Produzenten und Fachleute für geschäftliche Angelegenheiten. Diese Personalstruktur sagt über den Kurs des Unternehmens mehr aus als manches glänzende Modellvideo: Aus dem Softwareanbieter entwickelt sich eine Organisation, die selbst produzieren kann. Recherchequelle: runway.com
In dieselbe Richtung weist der bereits 2024 gestartete Hundred Film Fund. Runway stellte zunächst fünf Millionen Dollar bereit, verbunden mit der Option, den Fonds auf zehn Millionen Dollar zu erweitern. Unterstützt werden Kurzfilme, Langfilme, Dokumentationen, Musikvideos und experimentelle Arbeiten, die KI in der Vor- oder Postproduktion einsetzen. Die zugesagten Beiträge reichen von 5.000 Dollar bis zu mehr als einer Million; ausgewählte Projekte können zudem gemeinsam produziert werden. Finanzierung, technische Infrastruktur und kreative Begleitung rücken damit unter einem Dach zusammen. Recherchequelle: runway.com
Von einem klassischen Hollywood-Studio ist dieses Modell dennoch weit entfernt. Runway besitzt keine mit Lionsgate vergleichbare Filmbibliothek, unterhält keinen etablierten Kinostartkalender und verfügt nicht über ein weltweites Vertriebsnetz. Bei der geplanten Kurzserie steuert Lionsgate die bekannten Stoffe, die Produktionsstruktur und den Zugang zum Markt bei. Bislang ist nicht öffentlich bekannt, ob Runway Rechte am gemeinsam entwickelten Inhalt erhält oder an späteren Erlösen beteiligt wird. Von einem vollwertigen Studiogeschäft kann deshalb noch keine Rede sein.
Trotzdem geht die Verbindung weit über eine gewöhnliche Lieferantenbeziehung hinaus. Lionsgate beschränkt sich keineswegs darauf, Softwarelizenzen zu kaufen. Das Studio hält nun eine Beteiligung an Runway, während beide Unternehmen gemeinsam neue Projekte entwickeln wollen. TheWrap beschreibt eine ganze Reihe geplanter Produktionen, deren Auftakt die Kurzserie bilden soll. Der Erfolg hängt damit nicht mehr allein davon ab, wie viele Nutzer ein Runway-Abonnement abschließen. Zumindest teilweise wird er künftig daran gemessen werden, ob die gemeinsam erzeugten Geschichten funktionieren – ob aus technischen Möglichkeiten tatsächlich Erzählungen werden, die ein Publikum erreichen. Recherchequelle: thewrap.com
Zugleich will Runway zeigen, dass seine Technik die Experimentierphase hinter sich lässt. In einem eigenen Bericht führt das Unternehmen Fernsehwerbung, Trailer, preisgekrönte Produktionen und weitgehend generierte Animatics für Filme als Beispiele an. Ein unabhängiges Studio erstelle demnach vor Beginn der eigentlichen Dreharbeiten Animatics, die zu 80 Prozent aus generiertem Video bestehen. Die Aussagekraft solcher Zahlen ist begrenzt: Die Kunden bleiben anonym, die Einsparungen wurden von ihnen selbst gemeldet, und der Bericht stammt vom Anbieter. Das Ziel zeichnet sich dennoch klar ab. Runway will nicht bloß einzelne Sekunden erzeugen, sondern ganze Produktionsabläufe prägen. Recherchequelle: runway.com
Daneben versucht das Unternehmen, eine eigene Filmszene zu etablieren. Beim Runway AI Film Festival stieg die Zahl der Einreichungen von rund 300 im ersten Jahr auf etwa 6.000 im Jahr 2025. Die gezeigten Arbeiten bestanden häufig nicht vollständig aus KI-Material, sondern verbanden reale Aufnahmen, Ton und Animation mit generierten Sequenzen. Diese Mischform dürfte der heutigen professionellen Praxis näherkommen als die Vorstellung eines Films, der nach einem einzigen Textbefehl fertig aus der Maschine fällt. Auch kurze, zusammenhängende Szenen entstehen nicht auf Knopfdruck. Sie verlangen weiterhin detaillierte Anweisungen, zahlreiche Versuche und eine sorgfältige Auswahl. Recherchequelle: apnews.com
Für die Mitarbeiter hinter den Bildern hat der Aufstieg solcher Systeme sehr konkrete Folgen. Vor allem für Animatoren, VFX-Künstler, Konzeptzeichner und Storyboard-Spezialisten dürfte sich der Arbeitsalltag stark verändern. Der Rückgang von Aufträgen in Hollywood lässt sich allerdings nicht allein der KI zuschreiben; auch Produktionsverlagerungen, Zusammenschlüsse und die Folgen der Streiks spielen eine Rolle. Trotzdem wächst der Druck, dieselbe Arbeit schneller und mit kleineren Teams zu erledigen. Recherchequelle: theatlantic.com
All das macht Runway noch nicht zu einem Filmstudio im vertrauten Sinn. Vielmehr zeichnet sich eine neue Zwischenform ab: Technologieanbieter, Produktionspartner, Finanzier und kreatives Labor zugleich. Die gemeinsame Serie mit Lionsgate wird nicht beweisen, dass sich Hollywood automatisieren lässt. Sie könnte aber zeigen, ob ein Hersteller generativer Modelle den Sprung vom Werkzeuglieferanten zum Mitproduzenten schafft.
Entscheidend ist nicht mehr allein der Moment, in dem eine Maschine ein überzeugendes Bild erzeugt. Ebenso wichtig ist der Augenblick, in dem jemand dieses Bild auswählt, in eine Geschichte einfügt und dafür Verantwortung übernimmt. Genau dieser Rolle kommt Runway nun näher.
Weiterführende Informationen
Quellenhinweis: Einzelne Fakten, Einschätzungen und Prognosen dieses Beitrags stützen sich auf Veröffentlichungen der nachfolgend genannten Unternehmen und Institutionen. Die Links dienen zugleich der weiterführenden Information.
jls’ Blog – Runway × Lionsgate: Kapitalbeteiligung und gemeinsame IP-Entwicklung
Der Abschnitt erläutert die Beteiligung von Lionsgate und die geplante episodische Kurzserie auf Basis bestehender Katalogrechte.
https://jls42.org/de/news/ia-actualites-11-jun-2026
heise online – Runway ML: KI-Videogenerator Gen-4 veröffentlicht
Der Fachartikel erklärt, wie Gen-4 Figuren, Objekte, Schauplätze und Lichtverhältnisse mithilfe von Referenzbildern über mehrere Szenen hinweg konsistent halten soll.
https://www.heise.de/news/Runway-ML-KI-Videogenerator-Gen-4-veroeffentlicht-10348965.html
slashCAM – The Hundred Film Fund: Runway startet eigene KI-Filmförderung
Der Fachbeitrag nennt Fördervolumen, Filmformate und Bewerbungsvoraussetzungen und zeigt Runways Ausbau vom Werkzeuganbieter zum Filmfinanzierer.
https://www.slashcam.de/news/single/The-Hundred-Film-Fund—Runway-startet-eigene-KI-F-18851.html



