Künstliche Intelligenz wirkt schwerelos. Eine Frage wird eingetippt, und wenige Augenblicke später erscheint die Antwort auf dem Bildschirm. Kein Rauch steigt auf, kein Motor dröhnt, keine Fabrik ist zu sehen. Doch hinter dieser scheinbaren Leichtigkeit wächst eine neue, sehr materielle Welt: Hallen voller Prozessoren, kilometerlange Stromleitungen, Kühlsysteme, Kraftwerke und Verträge über Milliardenbeträge. Der KI-Boom findet längst nicht mehr nur im digitalen Raum statt. Er gräbt Fundamente, beansprucht Land und verlangt nach einer Energieversorgung, die niemals zur Ruhe kommen darf.
Am 18. August 2026 rückte ein Projekt in Ohio diese Entwicklung ins öffentliche Blickfeld. OpenAI schloss einen Mietvertrag mit einer Laufzeit von 20 Jahren über einen gewaltigen Rechenzentrumskomplex, der von SB Energy, einem Unternehmen der SoftBank-Gruppe, gebaut und betrieben werden soll. Geplant sind eine reine IT-Anschlussleistung von acht Gigawatt sowie neue Stromerzeugungskapazitäten von bis zu zehn Gigawatt. Nvidia soll die Chips exklusiv liefern und für bestimmte Miet- und Zahlungsverpflichtungen im Umfang von bis zu 105 Milliarden US-Dollar garantieren. Das Vorhaben liegt teilweise auf dem Gelände einer ehemaligen Urananreicherungsanlage. Recherchequelle: Axios
Die Zahlen sind so groß, dass sie beinahe ihre Bedeutung verlieren. Ein Gigawatt bezeichnet eine Größenordnung, die man normalerweise mit Kraftwerken und Stromnetzen verbindet, nicht mit einem einzelnen Rechenzentrum. Der Komplex in Ohio ist deshalb weit mehr als nur ein weiteres Rechenzentrum. Er gleicht einer neuen Industrielandschaft, geschaffen für eine Wirtschaft, deren wichtigster Rohstoff Rechenleistung ist.
Lange wurde über künstliche Intelligenz gesprochen, als bestünde sie hauptsächlich aus Modellen, Daten und Programmcode. Doch jedes Modell benötigt Maschinen, jedes Training verbraucht Strom, und jede Antwort braucht eine physische Infrastruktur, auf der sie berechnet wird. OpenAI weist selbst darauf hin, dass der Ausbau von KI ein Zusammenspiel von Rechenzentren, Chips, Energieversorgung, Bauwirtschaft, Finanzierung und Betrieb erfordert. Bei der Standortwahl kommt es inzwischen auf Strom, Grundstücke, Genehmigungen, Leitungen, Arbeitskräfte und die Akzeptanz vor Ort an. Recherchequelle: openai.com
Damit verändert sich auch der Charakter des Wettbewerbs. Entscheidend ist nicht nur, wer das leistungsfähigste Modell entwickelt, sondern auch, wer genügend Prozessoren beschaffen, Netzanschlüsse sichern und jahrelange Bauprojekte finanzieren kann. Der Wettlauf um künstliche Intelligenz wird damit zugleich zu einem Wettlauf um Transformatoren, Gasturbinen, Kupfer, Wasser und geeignete Flächen.
Die Internationale Energieagentur berichtet, dass der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren 2025 um 17 Prozent zunahm. Bei speziell für KI ausgelegten Rechenzentren lag das Wachstum sogar bei 50 Prozent. Bis 2030 könnte sich der globale Strombedarf aller Rechenzentren gegenüber 2025 ungefähr verdoppeln. Gleichzeitig werden einzelne Server immer leistungsfähiger und dichter bestückt: Ein modernes Rack könnte 2027 in Spitzenzeiten eine elektrische Leistung aufnehmen, die dem gleichzeitigen Bedarf von 65 Haushalten entspricht. Recherchequelle: iea.org
Der Energiebedarf einfacher KI-Anfragen sinkt zwar durch effizientere Hard- und Software. Doch dieser Fortschritt wird durch die zunehmende Nutzung teilweise wieder aufgezehrt. Anwendungen wie Videogenerierung, komplexe Schlussfolgerungsprozesse und autonome Agentensysteme können das Hundert- oder Tausendfache der Energie einer kurzen Textausgabe benötigen. Effizienz macht KI günstiger und lädt gerade dadurch zu immer mehr Anwendungen ein.
Computertechnologie entwickelt sich im Rhythmus von Monaten, Energieinfrastruktur dagegen im Rhythmus von Jahren oder Jahrzehnten. Ein neues Modell lässt sich vergleichsweise schnell veröffentlichen. Der Bau von Kraftwerken, Umspannwerken und Hochspannungsleitungen erfordert langwierige Planungs- und Genehmigungsverfahren, Material und gesellschaftliche Zustimmung. Hier treffen zwei Zeitsysteme aufeinander: das atemlose Tempo des Silicon Valley und der bedächtige Takt der physischen Welt.
In Ohio zählen Rechenzentren bereits zu den wichtigsten Treibern der steigenden Stromnachfrage. Die zuständige Regulierungsbehörde warnt, dass zusätzliche Erzeugungskapazitäten und erhebliche Investitionen in die Netzinfrastruktur erforderlich sein werden. Auch der Netzbetreiber PJM, der rund 67 Millionen Menschen versorgt, arbeitet an neuen Regeln, um Großverbraucher an das Netz anzuschließen, ohne die Versorgungssicherheit und die Bezahlbarkeit von Strom zu gefährden. Recherchequelle: content.govdelivery.com
Bemerkenswert ist nicht nur die Größe des Projekts, sondern auch seine finanzielle Architektur. Nvidia verkauft nicht einfach nur Prozessoren. Mit seinen Garantien trägt das Unternehmen dazu bei, jene Infrastruktur zu finanzieren, in der seine Chips eingesetzt werden. Hersteller, Kunde, Energieentwickler und Kapitalgeber bilden einen geschlossenen Finanzierungskreislauf.
Nach Angaben der Internationalen Energieagentur investierten die größten Technologieunternehmen 2025 zusammen mehr als 400 Milliarden Dollar; 2026 könnte diese Summe um weitere 75 Prozent steigen. Die Investitionen von nur fünf Konzernen übersteigen damit die weltweiten Ausgaben für die Förderung von Öl und Erdgas. Zugleich seien Rechenzentren inzwischen zu teuer, um allein über die Bilanzen ihrer Betreiber finanziert zu werden. Banken und Kapitalmärkte werden damit zu stillen Mitentwicklern der KI. Recherchequelle: iea.org
OpenAI verspricht für seine Stargate-Projekte, die zusätzlichen Energiekosten selbst zu tragen und sicherzustellen, dass die Strompreise für Anwohner dadurch nicht steigen. Je nach Standort sollen neue Kraftwerke, Speicher und Leitungen vollständig durch die Projekte finanziert werden. Außerdem strebt das Unternehmen Kühlsysteme mit geschlossenem Kreislauf oder geringem Wasserverbrauch an. Recherchequelle: openai.com
Doch solche Versprechen müssen sich in Tarifen, Verträgen und messbaren Ergebnissen bewähren. Entscheidend ist, wer den Netzausbau bezahlt, wer bei Engpässen Vorrang erhält und wer das Risiko trägt, falls die erwarteten KI-Einnahmen ausbleiben. Ein Rechenzentrum kann Arbeitsplätze und Steuereinnahmen bringen. Es kann jedoch ebenso Strommärkte, Wasserressourcen sowie die kommunale Entwicklung und Infrastrukturplanung über Jahrzehnte prägen.
Der KI-Boom ist deshalb nicht bloß eine Geschichte über beeindruckende Maschinen. Er ist eine Verteilungsfrage. Welche Regionen stellen ihr Land, ihre Energie und ihre Infrastruktur für globale digitale Dienste zur Verfügung? Welche Gegenleistungen erhalten sie dafür? Und wie viel fossile Energie darf eingesetzt werden, um die Infrastruktur für eine Technologie aufzubauen, die gleichzeitig bei der Bewältigung der Klimakrise helfen soll?
Das Projekt in Ohio sieht neben anderen Quellen neue Gaskraftwerke mit einer Gesamtleistung von bis zu 9,2 Gigawatt vor. Aus einem ehemaligen Standort der Atomindustrie könnte so ein Zentrum der digitalen Industrie werden: ein beinahe poetischer Übergang von der alten zur neuen Hochtechnologie, allerdings einer mit sehr realen Emissionen. Recherchequelle: Axios
Künstliche Intelligenz wird häufig als Reise in eine immaterielle Zukunft beschrieben. Tatsächlich führt sie tief in die materielle Gegenwart zurück. Ihre Zukunft hängt an Beton, Kabeln, Turbinen und Kreditlinien. Je leistungsfähiger die Modelle werden, desto deutlicher tritt ihr Körper hervor.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, was KI künftig können wird. Ebenso wichtig ist, welche Landschaften wir für sie bauen, welche Energie wir ihr geben und welche Regeln dabei gelten. Die Wolke schwebt nicht über der Welt. Sie steht auf dem Boden dieser Welt, und ihr Schatten wird größer.
Weiterführende Informationen
Quellenhinweis: Einzelne Fakten, Einschätzungen und Prognosen dieses Beitrags stützen sich auf Veröffentlichungen der nachfolgend genannten Unternehmen und Institutionen. Die Links dienen zugleich der weiterführenden Information.
Environmental Site Assessment of Batch 1 Leased Property at Portsmouth Gaseous Diffusion Plant
Die US-Energiebehörde dokumentiert, dass rund 189 Acres des früheren Urananreicherungsstandorts für einen KI- und Cloud-Campus verpachtet wurden. Die Unterlagen vertiefen die im Artikel angesprochenen Fragen zu Flächennutzung, Altlasten und behördlicher Umweltprüfung.
https://www.energy.gov/nepa/articles/cx-270956-environmental-site-assessment-esa-batch-1-leased-property-portsmouth
Testimony Regarding Ohio Consumer Impacts of Data Center Growth
Die staatliche Verbrauchervertretung Ohios erläutert konkrete Schutzinstrumente wie Mindestabnahmen, langfristige Verpflichtungen, Finanzgarantien und Ausstiegsgebühren. Damit vertieft sie die Frage, wie Infrastrukturkosten und wirtschaftliche Risiken zwischen Rechenzentren und Haushalten verteilt werden können.
https://occ.ohio.gov/testimony/committee-meeting/2026-05-27
United States Data Center Energy Usage Report: 2025 Update
Das Lawrence Berkeley National Laboratory beziffert den möglichen Anteil von Rechenzentren am gesamten US-Stromverbrauch im Jahr 2030 auf 9,5 bis 15,3 Prozent. Der Bericht bietet damit eine nationale Vergleichsgrundlage für die außergewöhnliche Größenordnung des Ohio-Projekts.
https://eta-publications.lbl.gov/publications/united-states-data-center-energy-2025



