Auf dem bunten Teppich steht „M“ für Mond und „Z“ für Zebra. Eigentlich ist der Raum der South Philadelphia Library für Kinder eingerichtet. Doch an diesem Abend sitzen zwischen Mond und Zebra rund zwanzig Erwachsene, Smartphones in der Hand, und suchen gemeinsam nach Schaltern, die sich erstaunlich gut verstecken. Sie wollen Apple Intelligence deaktivieren, Gemini einschränken und automatische KI-Funktionen loswerden, um die sie nie gebeten haben.
Der Kurs trägt den schlichten Titel „Avoiding AI“ („KI vermeiden“). Bibliothekar Charlie Bailey lotst die Gruppe durch Menüs, Einstellungen und Untermenüs. Hier lernt niemand, wie man einen Prompt formuliert. Stattdessen geht es darum, auf dem eigenen Bildschirm wieder Ruhe zu schaffen. Als TechCrunch am 25. Juli 2026 über den Workshop berichtete, hatte die Veranstaltung bereits ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen: Mehr als 2.000 Menschen reagierten auf den Instagram-Beitrag der Bibliothek, 220 teilten ihn. Übliche Veranstaltungsankündigungen kommen dort oft nur auf einige Dutzend Reaktionen. Wegen der hohen Nachfrage setzte Bailey einen weiteren Termin an. Recherchequelle: TechCrunch
Wie aus einer Frage am Auskunftstresen ein Kurs wurde
Die Idee stammt nicht aus Philadelphia, sondern aus Bangor im US-Bundesstaat Maine. Hannah Cyrus, Bibliothekarin an der Bangor Public Library, hatte bemerkt, dass Besucher immer häufiger mit derselben Frage an den Auskunftstresen kamen: Wie werde ich diese KI wieder los? Sie wollten weder erfahren, wie ein Sprachmodell funktioniert, noch, wie sich damit bessere Texte erzeugen lassen. Was sie beschäftigte, waren E-Mail-Vorschläge, automatisch formulierte Antworten und Zusammenfassungen, die sich ungefragt über Suchergebnisse legten.
Cyrus entwickelte daraus einen Technikkurs. In ihren Veranstaltungen geht es zunächst um die Grundlagen generativer KI, anschließend um Datenschutzfragen, unzuverlässige Ergebnisse und praktische Möglichkeiten, KI-Funktionen auf persönlichen Geräten einzuschränken. Die Teilnahme ist kostenlos. Wer kein eigenes Gerät mitbringt, kann einen Bibliothekscomputer nutzen. Das zunächst unscheinbare Angebot stieß auf überraschend große Nachfrage: Für die ersten Termine musste die Teilnehmerzahl begrenzt und eine Warteliste eingerichtet werden. Einschließlich der zugeschalteten Onlinegäste nahmen jeweils etwa 70 Personen teil. Recherchequelle: Bangor Downtown
Mittlerweile unterstützen auch andere Bibliotheken in Maine ihre Besucher dabei, digitale Assistenten, intelligente E-Mail-Funktionen und weitere KI-Werkzeuge zu deaktivieren. Steven Brown, Leiter der Searsmont Town Library, versteht diese Arbeit als Erinnerung daran, dass die Voreinstellungen eines Smartphones nicht in Stein gemeißelt sind. Was ab Werk aktiviert ist, muss sein Besitzer noch lange nicht akzeptieren. Recherchequelle: Bangor Daily News
Digitalkompetenz heißt jetzt auch Nein sagen
Damit erweitert sich der Begriff der Digitalkompetenz um einen bislang wenig beachteten Aspekt. Jahrelang bestand die pädagogische Aufgabe vor allem darin, Menschen an neue Technik heranzuführen. Bibliotheken erklärten den Webbrowser, halfen beim Anlegen eines E-Mail-Kontos und zeigten, wie sich ein Dokument speichern lässt. Wer nicht mitkam, drohte den Anschluss zu verlieren.
Nun kommt eine zweite Lektion hinzu. Menschen müssen Technik nicht nur bedienen, sondern auch einschätzen können: Brauche ich diese Funktion überhaupt? Welche Daten werden dabei verarbeitet? Und wo verbirgt sich der Ausschalter?
Hannah Cyrus nennt diesen Ansatz „Refusal as Instruction“ – Verweigerung als Bildungsarbeit. In einem Beitrag für die Fachzeitschrift „Information Technology and Libraries“ argumentiert sie, Bibliotheken sollten nicht automatisch jede neue Technologie als Fortschritt vermitteln. Zu ihren Aufgaben könne ebenso gehören, Besucher bei der Ablehnung von Angeboten zu unterstützen, die mit persönlichen Vorstellungen von Privatsphäre, Selbstbestimmung oder geistiger Freiheit kollidieren. Technik sei schließlich nicht allein deshalb neutral, weil sie hinter einer glatt polierten Oberfläche verschwindet.
Recherchequelle: Information Technology and Libraries
Das ist keine Forderung nach einem Leben ohne Algorithmen. Auch in den Workshops wird zwischen konkreten Anwendungen unterschieden. Texterkennung kann historische Dokumente durchsuchbar machen; medizinische Systeme können Forschung und Diagnostik unterstützen. Der Unmut richtet sich weniger gegen die Technologie an sich als gegen ihre ungefragte Anwesenheit. KI taucht im Schreibprogramm, auf dem Smartphone, in der Suche und im E-Mail-Postfach auf – oft begleitet von farbigen Symbolen und freundlichen Einladungen, die bei jedem Öffnen von Neuem um Aufmerksamkeit bitten.
Der Ausschalter liegt hinter vielen Menüebenen
Wie schwer die Orientierung fällt, zeigen schon die Anleitungen der Hersteller. Microsoft erklärt, dass Copilot in Word, Excel und PowerPoint jeweils separat deaktiviert werden muss. Zudem gilt die Einstellung nur für die betreffende Anwendung auf dem jeweiligen Gerät. Wer mehrere Programme und Computer verwendet, muss den Vorgang entsprechend oft wiederholen. In den mobilen und webbasierten Versionen einiger Office-Anwendungen lässt sich Copilot nicht auf dieselbe Weise abschalten. Eine alternative Sperre über die Datenschutzeinstellungen kann zugleich andere Funktionen außer Kraft setzen, darunter Textvorhersagen, automatische Bildbeschreibungen oder Designvorschläge. Recherchequelle: Microsoft Support
Auch bei Gemini bedeutet „ausschalten“ nicht zwangsläufig, dass nichts mehr geschieht. Google erlaubt Nutzern zwar, die Speicherung ihrer Gemini-Aktivitäten zu deaktivieren. Laut der Hilfeseite können Gespräche dennoch bis zu 72 Stunden im Konto verbleiben, um den Dienst bereitzustellen und Rückmeldungen zu verarbeiten. Hinzu kommen eigene Einstellungen für verbundene Apps und persönliche Inhalte. Ein einzelner, verständlicher Hauptschalter sieht anders aus. Recherchequelle: Google Gemini Help
Voreinstellungen sind eine Machtfrage
Darin zeigt sich die leise politische Dimension dieser Bibliothekskurse – ohne Paragrafen oder Podiumsdiskussionen. Voreinstellungen verteilen Macht. Viele Menschen nutzen, was bereits aktiviert ist, weil das Abschalten Zeit, Wissen und Beharrlichkeit verlangt. Mit jeder zusätzlichen Menüebene wächst die Hürde. Eine nominell freiwillige Funktion wird so faktisch zum Standard.
Für diese Art der Gegenbewegung sind Bibliotheken besonders geeignet. Sie verkaufen weder Geräte noch Abonnements oder KI-Pakete. Ihr Angebot beginnt nicht mit einem Geschäftsmodell, sondern mit einer Frage am Schalter. Zugleich erreichen sie Menschen, die technische Anleitungen im Netz kaum finden oder nicht sicher beurteilen können, welche davon noch aktuell sind. In Philadelphia wurde „Avoiding AI“ deshalb Teil einer breiteren Veranstaltungsreihe zur kritischen KI-Kompetenz. Neben dem Abschalten unerwünschter Funktionen behandelt sie auch Betrugsmaschen und lokale Auswirkungen der Technologie. Recherchequelle: Free Library of Philadelphia
Ausgebuchte Kurse als Warnsignal
Einige ausgebuchte Kurse belegen noch keine allgemeine Abkehr von künstlicher Intelligenz. Als Warnsignal taugen sie dennoch. Unternehmen messen, wie viele Menschen ihre KI-Funktionen verwenden. Solche Zahlen verraten jedoch selten, wie viele Nutzer sich bewusst dafür entschieden haben – und wie viele lediglich nicht wussten, dass sie eine Wahl haben.
Vielleicht beginnt digitale Mündigkeit heute nicht mehr mit dem Einschalten eines Computers. Manchmal beginnt sie mit einer Hand, die sich durch ein Einstellungsmenü tastet, bis endlich ein kleiner Schalter erscheint. Dann wird der Bildschirm still. Und ausgerechnet das fühlt sich für manche Menschen wie eine neue Funktion an.
Weiterführende Informationen
Quellenhinweis: Einzelne Fakten, Einschätzungen und Prognosen dieses Beitrags stützen sich auf Veröffentlichungen der nachfolgend genannten Unternehmen und Institutionen. Die Links dienen zugleich der weiterführenden Information.
Prof. Marc Opresnik’s AI News – Alles, was du wissen musst (Ausgabe #31/2026)
Der deutschsprachige Wochenüberblick beschreibt die ungewöhnlich starke Nachfrage nach „Avoiding AI“-Workshops in US-Bibliotheken und deren praktische Ausrichtung.
https://de.linkedin.com/pulse/prof-marc-opresniks-marketing-ai-news-alles-du-wissen-opresnik-396ze
netzpolitik.org – Digitale Mündigkeit im Selbstversuch: Eine neue Art zu leben
Das ausführliche Interview zeigt praxisnah, wie Privatsphäre, technische Wahlfreiheit und informationelle Selbstbestimmung vermittelt und im Alltag umgesetzt werden können.
https://netzpolitik.org/2021/digitale-muendigkeit-im-selbstversuch-eine-neue-art-zu-leben/
Kaspersky – So deaktivierst du unerwünschte KI-Assistenten und -Funktionen auf deinem PC und Smartphone
Die technische Anleitung führt durch die verteilten Einstellungen zum Einschränken von Copilot, Gemini und weiteren integrierten KI-Funktionen.
https://www.kaspersky.de/blog/how-to-switch-off-ai/33282/



